Leben Menschen mit höherem Einkommen länger?
Antwort von Jan Paul Heisig
Weltweit ist zu beobachten, dass Menschen mit höherem Bildungsgrad und somit häufig höherem Einkommen eine höhere Lebenserwartung haben. Das gilt auch für Deutschland. Eine Studie des Robert Koch-Instituts von 2019 zeigt, dass Frauen in der niedrigsten Einkommensgruppe durchschnittlich 78,4 Jahre alt werden, während sie in der höchsten 82,8 Jahre erreichen – ein Unterschied von 4,5 Jahren. Bei Männern liegt die Differenz sogar bei über acht Jahren.
Doch muss man die Frage nach der Kausalität stellen: Macht Armut krank oder führt Krankheit zu Armut? Gesundheitliche Probleme in der Kindheit können den Bildungserfolg beeinträchtigen und langfristig die Einkommenschancen verringern. Andererseits können sich Bildung und Einkommen positiv auf die Gesundheit auswirken – durch besseren Zugang zur Gesundheitsversorgung, eine gesündere Ernährung oder Lebensumfelder mit weniger Abgasen und Lärm sowie mehr Grün.
Ein weiterer Faktor ist psychosozialer Stress, der bei ärmeren Menschen oft chronisch vorhanden ist und zu ernsten Erkrankungen führen kann. Wird dieser Stress gelindert, etwa durch die Einführung einer neuen Transferleistung, lassen sich positive Effekte nachweisen: Eine aktuelle englische Studie zeigt, dass eine vergleichsweise geringe Einmalzahlung für werdende Mütter von rund 250 Euro dazu geführt hat, dass die Anzahl von Frühgeburten und Kindern mit niedrigem Geburtsgewicht zurückgegangen ist.
Maßnahmen wie Aufklärung über Ernährung in Kitas und Schulen sind wichtige Bausteine zur Verringerung gesundheitlicher Ungleichheiten. Nachhaltige Lösungen erfordern jedoch ein breites Spektrum an Ansätzen, die weit über traditionelle Gesundheitspolitik hinausgehen und auf eine Verbesserung von Lebensumwelten sowie die Verringerung sozialer Ungleichheit insgesamt abzielen.
Experte
Jan Paul Heisig ist Professor für Soziologie an der Freien Universität Berlin und Leiter der Forschungsgruppe „Gesundheit und soziale Ungleichheit“ am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. Am Einstein Center Population Diversity forscht er unter anderem zur psychischen Gesundheit von Menschen mit Migrationsgeschichte und zur Entstehung von Mehrfacherkrankungen im Lebensverlauf.
März 2025

