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Deutschstunde

Ein Beitrag aus ALBERT Nr. 10 "Sozialdemografie"

Von der „Geburtenkrise“ zum „Volkstod“ – Rassismus und Radikalismus des deutschen Demografie-Diskurses im 20. und 21. Jahrhundert

Die Deutschen haben seit mehr als einem Jahrhundert eine gespaltene Beziehung zu ihrer demografischen Entwicklung. Konservative und rechte Kräfte stellen diese immer wieder als krankhaft dar. Sie fürchten zu vergreisen, auszusterben und „überfremdet“ zu werden. Die ewig gestrige Denkweise prägt bis heute den politischen Diskurs – trotz begrifflicher Umetikettierungen. Eine Spurensuche vom Kaiserreich bis in die Gegenwart

Essay von Thomas Bryant

Seit über einem Jahrhundert prägt der demografische Wandel den wissenschaftlichen und öffentlichen Diskurs in Deutschland. Dabei zeigen sich bemerkenswerte Kontinuitäten hinsichtlich des rhetorischen Radikalismus, mit der demografische Entwicklungen bewertet und dargestellt wurden und zum Teil noch immer werden. Insbesondere die unablässige Pathologisierung der demografischen Alterung als eine Art „Volkskrankheit“ im Sinne eines kollektiven Siechtums der als „Volkskörper“ metaphorisierten deutschen Bevölkerung sowie damit einhergehende rassistisch geprägte Argumentationen ziehen sich wie ein roter Faden durch die deutsche Geschichte der letzten mehr als 100 Jahre. Trotz mehrerer politischer Umbrüche prägen die damals entstandenen Denkweisen bis heute den diskursiven Umgang mit Themen wie Geburtenrückgang, Alterung und Migration.

"Volkskrankheit" und "Unterfrüchtigkeit" – Beginn der Pathologisierung demografischer Entwicklungen I 1910er- bis 1930er-Jahre

Einen Beginn des problematisierenden Diskurses über den demografischen Wandel markiert der im Jahre 1911 veröffentlichte Aufsatz „Der Geburtenrückgang“ des Berliner Gynäkologen Max Hirsch (1877–1948). Im Deutschen Kaiserreich war der Rückgang der Geburtenzahlen statistisch auffällig geworden. Hirsch und weitere Forscher wie etwa der gebürtig aus Berlin stammende Nationalökonom Karl Oldenberg (1864–1936) und der ebenfalls in Berlin habilitierte Staats- und Wirtschaftswissenschaftler Lujo Brentano (1844–1931) sahen in der sinkenden Geburtenrate eine hypothetische Gefahr für die „Volksgesundheit“ und sprachen davon, dass eine „Geburtenkrise“ langfristig das nationale Überleben bedrohen werde. Der Begriff „Volkskrankheit“ wurde geprägt und der Geburtenrückgang erstmals als krankhafter Zustand des „Volkskörpers“ beschrieben – mit zunehmend alarmistischem Unterton. 

Insbesondere Mediziner begannen damit, sich mit Bevölkerungsfragen auseinanderzusetzen und im Zuge dessen die sozialen Ursachen des Geburtenrückgangs bestimmter sozialer Kreise als dringend korrekturbedürftiges krisenhaftes Phänomen zu thematisieren. So tat es beispielsweise der Münchener Hygieniker und Bakteriologe Max von Gruber (1853–1927) in seiner 1914 veröffentlichten Schrift „Ursachen und Bekämpfung des Geburtenrückgangs im Deutschen Reich“, in der er die von ihm diagnostizierte „Unterfrüchtigkeit“ als schädlich brandmarkte. Dabei entstand der völkisch-nationalistische Gedanke, dass die Bevölkerungsstruktur eines „gesunden“ Deutschland von einer homogenen „Volksgemeinschaft“ abhängig sei, womit die Grundlage für rassistische Denkansätze gelegt wurde. Der Berliner Sozialhygieniker und spätere Reichstagsabgeordnete Alfred Grotjahn (1869–1931) stellte beispielsweise ebenfalls 1914 die These auf, dass ein stagnierendes deutsches Volk langfristig von wachsenden Nachbarvölkern demografisch überholt werden würde, womit er ein dramatisches Szenario von nationaler „Überfremdung“ heraufbeschwor.

"Mutterkreuz" und "Ausmerze" – Pathologisierung und Rassifizierung zwischen Demokratie und Diktatur I 1920er- bis 1940er-Jahre

Während der Weimarer Republik gewann der demografische Diskurs weiter an Bedeutung. Die traumatischen Erfahrungen des Ersten Weltkrieges und der wirtschaftlichen Instabilität der Nachkriegsjahre verstärkten die geradezu apokalyptische Angst vor einem „Volkstod“. Der Gedanke, dass der Geburtenrückgang ein existenzielles Risiko für das deutsche Volk darstelle, fand zunehmend Verbreitung. Friedrich Burgdörfer (1890–1967), einer der führenden und besonders wortmächtig auftretenden Demografen jener Zeit, sprach in seinem 1932 erschienenen Werk mit dem bezeichnenden Titel „Volk ohne Jugend“ gar von einer drohenden „biologischen Selbstvernichtung“. Die demografische „Schwäche“ wurde von Burgdörfer, der als Bevölkerungsstatistiker unter anderem im Statistischen Reichsamt in Berlin tätig war, als eine Art „degenerativer Prozess“ aufgefasst, welcher das kollektive Überleben bedrohe und dem durch staatliche Maßnahmen entschieden entgegengesteuert werden müsse.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahre 1933 folgte eine radikalisierte Rassifizierung. Die Nationalsozialisten verknüpften die vielbeschworene „Volksgesundheit“ mit einem rigiden ideologischen Konzept von „Rasse“ und „Blut“. Deshalb betrachtete das nationalsozialistische Regime demografische und rassenbiologische Fragen als zentrale Elemente staatlichen Handelns. So wandte sich die radikale NS-Bevölkerungspolitik gegen die „Vergreisung des deutschen Volkskörpers“ – einerseits durch diverse pronatalistische (geburtenfördernde) Maßnahmen (zum Beispiel steuerliche Vergünstigungen für kinderreiche Familien, Verleihung von „Mutterkreuzen“ für kinderreiche „deutsche Mütter“), andererseits durch antinatalistische (geburtenverhindernde) Praktiken, also einer Kombination aus Fortpflanzungsförderung („Auslese“) und Fortpflanzungsverhinderung („Ausmerze“).

Das erklärte Ziel des NS-Staates bestand darin, die demografische „Reinheit“ des deutschen Volkes zu sichern und das biologische Erbe einer vermeintlichen „Entartung“ auszuschließen. Dieses Gedankengut kulminierte schließlich in bevölkerungspolitischen Maßnahmen wie dem „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ vom 14. Juli 1933 zur Durchsetzung einer eugenischen Politik, die den „Volkskörper“ vor „degenerativen“ Einflüssen bewahren sollte. Infolgedessen kam es zur massenhaften Zwangssterilisation von Menschen, die als „lebensunwert“ oder „krankhaft“ galten und deren Fortpflanzung unbedingt verhindert werden sollte. Ab 1939 betrieb das NS-Regime im Zuge seiner sogenannten Euthanasie“-Politik den als „Vernichtung lebensunwerten Lebens“ bezeichneten gezielten Massenmord an älteren, kranken und behinderten Menschen. Der deutsche Demografie-Diskurs, der ältere und als unzureichend eingestufte Menschen als Belastung für den erwünschten jugendlichen und vitalen „Volkskörper“ betrachtete, hatte damit sowohl auf der diskursiv-ideologischen als auch auf der praktisch-politischen Ebene seine höchste Radikalisierungsstufe und zugleich seinen moralischen Tiefpunkt erreicht.

"Nationale Identität" und "kulturelle Reinheit" – Demokratische Legitimation für alte Denkmuster I 1950er- bis 1960er-Jahre

Auch nach dem totalen Zusammenbruch des NS-Staates setzte sich der deutsche Demografie-Diskurs – wenn auch in abgewandelter und deutlich abgeschwächter Form – mit seinen pathologisierenden und latent rassistischen Mustern fort. Bereits in den 1950er-Jahren erfuhr er eine neue Konjunktur. Der gebürtig aus Berlin-Charlottenburg stammende CDU-Politiker und erste Bundesfamilienminister Franz-Josef Wuermeling (1900–1986) sah in der demografischen Lage der unlängst gegründeten Bundesrepublik Deutschland eine Bedrohung und warnte wiederum vor einem möglichen „Aussterben des deutschen Volkes“ – eine Wortwahl, die stark an die politische Rhetorik vergangener Zeiten erinnerte, wenngleich die nachkriegsdeutsche Terminologie zuweilen angepasst wurde und durch den Nationalsozialismus diskreditierte Wörter wie „Rasse“ und „Blut“ – zumindest in bürgerlich-gemäßigten Milieus – aus dem allgemeinen Sprachgebrauch verschwanden. Rassistisch aufgeladene Termini wurden durch scheinbar harmlose Begriffe wie „Kultur“, „Familie“ und „Identität“ ersetzt, um dem alten demografischen Diskurs eine neue demokratische Legitimation zu verleihen. Nichtsdestotrotz griff die Vorstellung einer „Überalterung“ und „Überfremdung“ auf einen traditionellen Topos zurück, der deutsche Familien als Bollwerk gegen den drohenden Verfall der Gesellschaft ansah. So betonte Wuermeling, dass eine starke Geburtenrate den ideologischen Kampf gegen den Kommunismus unterstütze und pries kinderreiche Familien als Garanten einer gesunden Nation. 

Die Idee eines „bedrohten Volkskörpers“ blieb somit auch in der Nachkriegszeit im Kern bestehen. Die Betonung der „nationalen Identität“ und der „kulturellen Reinheit“ knüpfte an althergebrachte rassistische Konzepte an, die während des Nationalsozialismus fest in dessen Bevölkerungspolitik integriert waren. Erneut bestimmte die pathologisierende Denkweise den Umgang mit Einwanderern und Minderheiten, die als Bedrohung für die kulturelle und demografische Beständigkeit dargestellt wurden.

"Volksselbstmord" und "Rentnerschwemme" – Erneute rhetorische Radikalisierung I 1970er- bis 1990er-Jahre

In den 1970er- und 1980er-Jahren verschärfte sich der demografische Diskurs erneut. Neurechte Autoren wie der Soziologe Robert Hepp von der Universität Osnabrück (* 1938) griffen offen auf rassistische Metaphern zurück und sahen in der demografischen Entwicklung eine Bedrohung für das deutsche „Volksdasein“. Bücher wie Hepps „Deutschland ohne Deutsche“ von 1984 propagierten die Vorstellung eines bevorstehenden „Genosuizids“ bzw. „Volksselbstmords“. Der „Volkstod“ als vermeintliche Bedrohung ersten Ranges wurde in der politischen Rhetorik fortwährend offen thematisiert und führte zu kontroversen Diskussionen über eine für notwendig erachtete Bevölkerungspolitik. In dieser Zeit gewannen Begriffe wie „tickende (demografische) Zeitbombe“ und „Generationen-Krieg“ an Popularität und verschärften abermals die Rhetorik, in der demografische Alterung und geringe Geburtenrate als zentrale gesellschaftliche Probleme behandelt wurden.

Die damals sinkende Geburtenrate und der Anstieg der Lebenserwartung führten zu einer Debatte über die Gefahr der vermeintlichen „Überalterung“, die sich unter anderem in der sogenannten „Rentnerschwemme“ offenbare. Dass der letztgenannte Begriff zum „Unwort des Jahres 1996“ erklärt wurde, zeigt allerdings auch, dass es ebenso kritische Stimmen gab, die weder mit den gewählten Begrifflichkeiten noch mit den diesen zugrunde liegenden Auffassungen einverstanden waren.

"Kinder statt Inder" und "Methusalem-Komplott" – Rassistishe Untertöne und Überalterungspanik I 2000er-Jahre

Im wiedervereinigten Deutschland führten demografische und migrationspolitische Debatten zu einer erneuten Welle ethnisch geprägter Diskurse. Die „Kinder statt Inder“-Debatte im Jahre 2000 zeigt beispielhaft, wie ethnische Kategorien in demografischen Debatten verwendet wurden, um ein vermeintliches Ideal des „deutschen Volkes“ zu konstruieren: Jürgen Rüttgers, seines Zeichens CDU-Politiker und damaliger Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, forderte im Landtagswahlkampf, dass deutsche Kinder stärker gefördert werden sollten, anstatt ausländische (namentlich indische) IT-Spezialisten nach Deutschland zu holen, wie es kurz vorher der seinerzeitige SPD-Bundeskanzler Gerhard Schröder vorgeschlagen hatte. Diese Aussage stieß auf breite Kritik, wurde jedoch von rechtsextremen Parteien dankbar aufgegriffen und weiter radikalisiert, um offenkundig unliebsame Fachkräfteeinwanderung gegen gleichsam bevölkerungspolitische Selbsthilfe in Stellung zu bringen. 

Der Wahlkampf-Slogan „Kinder statt Inder!“ verdeutlichte die Tendenz, Einwanderer als Bedrohung darzustellen und den demografischen Wandel negativ zu bewerten – erst recht, wenn es sich ausdrücklich um nicht-weiße Immigranten handelte. Die ethnozentristisch aufgeladene Kampagne stellte deutsche Kinder als „natürliche“ und einzig erwünschte Mitglieder der Gesellschaft dar, während nicht-weiße Migranten als Belastung für ebendiese Gesellschaft angesehen wurden. Diese Sichtweise setzte den pathologisierenden Demografie-Diskurs fort und verknüpfte ihn abermals mit unverkennbar rassistischen Untertönen. 

Lediglich ein paar Jahre später wurde der Begriff „Methusalem-Komplott“ zum Synonym für die vermeintlich drohende Katastrophe durch eine alternde Gesellschaft. Die gewählte Methusalem-Allegorie wurde insbesondere durch populäre Werke wie Frank Schirrmachers (1959–2014) gleichnamiges Buch aus dem Jahre 2004 verbreitet. Autoren wie der frühere Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung warnten sehr eindringlich davor, dass eine wachsende Anzahl älterer Menschen die Gesellschaft in den wirtschaftlichen und sozialen Ruin zu treiben drohe. Hierdurch wurde die „Überalterung“ erneut pathologisiert und in einem existenzialistischen Diskurs verarbeitet, der eine verstärkte staatliche Kontrolle (sprich: Bevölkerungspolitik) über die demografische Entwicklung forderte.

"Abschaffung Deutschlands" und "Neue Deutsche" – Hochemotionale Agitation gegen Integration und Migration I 2010er-Jahre bis heute

Einen unbestrittenen Tiefpunkt des jüngsten deutschen Demografie-Diskurses bildete ein Buch, das der ehemalige Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin im Jahre 2010 unter dem vielsagenden Titel „Deutschland schafft sich ab“ veröffentlichte. In seinem millionenfach gedruckten Bestseller – was bis heute die ungemein große publizistische Reichweite und politische Tragweite seines Buches widerspiegelt – malte der SPD-Politiker den demografischen Wandel in den düstersten Farben als Bedrohung für das Fortbestehen der „deutschen Kultur“ und Gesellschaft und griff dabei eindringlich auf althergebrachte ethnisch-kulturelle Argumentationsmuster zurück. Sarrazin behauptete, dass Migranten eine „minderwertige“ Bevölkerungsgruppe darstellten, und wies mittels statistischer Berechnungen darauf hin, dass die Geburtenraten unter Einwanderern höher seien als bei „deutschen“ Familien. Seine Argumente und Methoden erinnerten unverkennbar an die Rhetorik früherer Demografen (insbesondere an den völkisch-nationalistisch orientierten Bevölkerungsstatistiker Friedrich Burgdörfer) und verstärkten die Vorstellung, dass der deutsche Staat um jeden Preis seine „autochtone“ Bevölkerung erhalten müsse, um seine kulturelle Identität zu bewahren.

Mit seinem Buch setzte Sarrazin unselige Denkmuster aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ungeniert fort, indem er über die „ethnische Überlegenheit“ des deutschen Volkes sinnierte. Diese Sichtweise verankerte den Diskurs über den demografischen Wandel, der zu dieser Zeit von anderen Akteuren mitunter nüchtern und sachlich geführt wurde, in einem rassistisch-biologistischen Rahmen und stellte die demografische Alterung erneut als eine „Volkskrankheit“ dar, die durch staatliche Maßnahmen reguliert werden müsse. 

Sarrazins Einfluss auf den deutschen Demografie-Diskurs des frühen 21. Jahrhunderts kann nicht hoch genug eingeschätzt werden: Als intellektueller Stichwortgeber befeuerte er wie kein Zweiter unablässig die hochemotional betriebene integrations- und migrationskritische Agitation neurechter bis rechtsextremer Akteure – allen voran die in diesem Spektrum zu verortende Alternative für Deutschland (AfD), deren Parteigründung im Jahre 2013 ohne die in den Vorjahren ausgetragene „Sarrazin-Debatte“ um das Für und Wider gelungener oder gescheiterter bzw. grundsätzlich gelingender oder ebenso grundsätzlich zum Scheitern verurteilter Integration von Menschen mit Migrationsgeschichte zweifelsohne nicht vorstellbar gewesen wäre.

In ihrem 2016 beschlossenen „Grundsatzprogramm für Deutschland“ prangert die AfD die „demografischen Fehlentwicklungen in Deutschland“ an und spricht sich gegen „die volkswirtschaftlich nicht tragfähige und konfliktträchtige Masseneinwanderung“ sowie für eine „aktivierende Familienpolitik“ aus, mittels derer „eine höhere Geburtenrate der einheimischen Bevölkerung als mittel- und langfristig einzig tragfähige Lösung erreicht werden“ solle. Die von ihr aufgeworfene polemische Frage „Neue Deutsche?“ beantwortete die AfD auf einem ihrer Wahlplakate mit „Machen wir selber.“ Eigentlich sind mit „neuen Deutschen“ Deutsche mit Migrationsgeschichte gemeint; in neurechten Kreisen wird ihnen jedoch in Ermangelung einer „deutschen Abstammung“ ihr „Deutschsein“ im Kern abgesprochen. Der Wahlkampf-Slogan sollte den Begriff für die eigene politische Agenda umdeuten, um daraus im Sinne Sarrazins eine rassistisch konnotierte Bevölkerungspolitik abzuleiten, die unter dem Deckmantel einer – wie es im AfD-Jargon heißt – „aktivierenden Familienpolitik“ daherkommt.

Was darunter zu verstehen sei, ist im Grundsatzprogramm der Partei klar benannt: „Eltern sollen zum Erwerb von Wohneigentum zinslose Darlehen erhalten, deren Schuldsumme sich mit jedem neugeborenen Kind vermindert.“ Hier wird in abgewandelter Form an die pronatalistischen „Ehestandsdarlehen“ angeknüpft, mit denen der NS-Staat zur Steigerung der Geburtenrate jungvermählten Paaren ab 1933 einen unverzinslichen Vorschuss zur Beschaffung von Hausrat gewährte, wobei mit jedem lebend geborenen Kind 25 Prozent der Darlehenssumme erlassen wurden, das heißt „abgekindert“ werden konnten, wie der Volksmund es damals nannte.

Über die verschiedenen politischen Umbrüche hinweg wies der deutsche Demografie-Diskurs vom späten Kaiserreich bis in die unmittelbare Gegenwart hinein eine beständige Tendenz zur Pathologisierung und rassistischen Vereinnahmung auf. Die Sorge um den quantitativen und qualitativen Bestand des „deutschen Volkskörpers“ sowie die Angst vor einem Finis Germaniae sind – ungeachtet dessen, dass im Laufe der Jahrzehnte gelegentlich einige begriffliche Umetikettierungen stattgefunden haben – in weiten Teilen der deutschen Gesellschaft im Grundsatz bestehen geblieben. Vor allem die Anschlussfähigkeit an emotional und ideologisch enorm aufgeladene Debatten, die sowohl um Selbstvergewisserungsfragen kollektiver Identität kreisen als auch ihrerseits demografisch von Relevanz sind (z. B. „Asylkompromiss“, doppelte Staatsangehörigkeit, „Leitkultur“, „Multikulti“, „Flüchtlingskrise“), spielt für den Fortbestand dieser Kontinuitätslinie eine entscheidende Rolle. 

Eine rhetorische Abrüstung und entradikalisierte Versachlichung würden der Beschäftigung mit Bevölkerungsfragen sowohl auf der diskursiven als auch auf der politischen Ebene guttun. Historische Aufklärungs- und antirassistische Bildungsarbeit sind hierbei unerlässliche Ansatzpunkte, um nicht nur vor den geschichtlich überlieferten Risiken möglicher Abwege und Abgründe inhumanen Gedankenguts zu warnen, sondern auch um konstruktive Perspektiven hin zu einer weltoffenen und menschenrechtsorientierten Migrationsgesellschaft aufzuzeigen.


Autor

Thomas Bryant ist promovierter Historiker und Professor für Soziale Arbeit an der IU (Internationale Hochschule) in Chemnitz, Dresden und Leipzig sowie Dozent in der historisch-politischen Erwachsenenbildung, unter anderem an der Alice-Salomon-Hochschule Berlin. Er hat zahlreiche Publikationen zur historischen Demografie veröffentlicht.

März 2025