Eine Zeile, ein Mensch.
Die Mikrosoziologin Anette Fasang erforscht Lebensverläufe und erstellt daraus Diagramme, die komplexe Bezüge zwischen Einkommen und Lebensumständen zeigen
Text: Mirco Lomoth

Zufallsbilder sind das nicht. Wenn man sich die Grafiken anschaut, ahnt man, dass sich komplexe Botschaften hinter ihnen verbergen – in einem farbigen Code aus untereinander angeordneten, unterschiedlich langen Balken. Die Relative Frequency Sequence Plots zeigen repräsentative Lebensverläufe innerhalb ausgewählter Personengruppen. Jede horizontale Linie steht darin für ein Leben, das von links nach rechts an Jahren zunimmt – angefangen im Alter von 20 Jahren bis zu 40 Jahren. Die Farben zeigen an, wie diese Personen im Laufe der Jahre gelebt haben – in der jeweils linken Grafik beispielsweise, ob sie verheiratet waren und drei oder mehr Kinder hatten ( dunkelblau), alleinlebend mit Kind ( violett) oder verheiratet waren ohne Kinder ( hellblau). In der rechten Grafik, wann sie in Ausbildung waren ( orange), arbeitslos ( gelb) oder ein sehr hohes Einkommen hatten ( dunkelrot).
Die Abbildungen stammen aus einer im September 2024 im American Journal of Sociology veröffentlichten Studie, die unterschiedliche Lebensläufe von rund 7500 Menschen in fünf europäischen Ländern daraufhin vergleicht, welche typischen Lebensverläufe sich entfalten, wie viel Einkommen sie über 20 Jahre hinweg erwirtschaftet haben und welchen Lebensstandard sie sich ermöglichen konnten: in Dänemark, Finnland, dem Vereinigte Königreich, Westdeutschland sowie dem wiedervereinten Deutschland.
Wer die Grafiken zu lesen weiß, kann viel darin erkennen – und Personengruppen über Länder hinweg vergleichen. „Junge Erwachsene, die im Alter von 20 bis 40 viel Geld verdienen, haben zum Beispiel in allen fünf Vergleichsländern ähnliche Lebensverläufe“, fasst die Hauptautorin Anette Fasang, Mikrosoziologin an der Humboldt-Universität zu Berlin, eines der Ergebnisse der Studie zusammen. „Diese Gutverdienenden schaffen einen nahtlosen Übergang in gut bezahlte Jobs nach dem Studium und führen ein Familienleben, das den weit verbreiteten Normen entspricht: zunächst der Einzug in eine gemeinsame Wohnung, gefolgt vom Übergang in die Ehe und ein bis zwei Jahre später das erste und dann das zweite Kind.“
Anders sieht es bei jenen Personen aus, die bis zu ihrem 40. Geburtstag nur ein geringes Einkommen erreichen. Hier unterscheiden sich die Lebensläufe sehr stark zwischen den Ländern. „Für Geringverdienende sind Unterschiede in Wohlfahrtsstaaten sehr relevant und haben einen unmittelbaren Einfluss darauf, wie sich ihr Berufs- und Familienleben über die 20 Jahre des Lebensverlaufs entfaltet“, sagt Fasang. Dabei spielen sowohl die Arbeitsmarkt- als auch die Familienpolitik eine wichtige Rolle.
Die Technik der Relative Frequency Sequence Plots hilft der Forschung dabei, repräsentative Personen für eine aussagekräftige Darstellung auszuwählen. „Man kann dadurch zum Beispiel erkennen, ob Lebensverläufe sich zwischen Personen stark unterscheiden und sehr viele Wechsel und Übergange erleben oder ob es eher wenige Wechsel gibt und diese von fast allen Personen und zum gleichen Zeitpunkt erlebt werden“, so Fasang. Die Mikrosoziologin widmet sich der Lebenslaufforschung, um Erkenntnisse über die Komplexität menschlicher Lebensentwürfe und deren Gründe und Auswirkungen zu bekommen. Die Lebensverlaufsperspektive begleitet ausgewählte Personen über viele Jahre, manchmal sogar über Generationen hinweg. Das hat den Vorteil, dass sie zeitliche Dynamiken erfassen und Wechselbeziehungen darstellen kann, etwa zwischen Arbeit, Familie und Einkommen – wenn Elternteile nach der Geburt eines Kindes eine Zeit lang nicht arbeiten und weniger verdienen etwa. „So lässt sich erkennen, wie Ungleichheiten mit der Zeit anwachsen“, sagt Fasang.

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