Unsere Kollegin Silvia Dreier hat bei der Einstein Stiftung Berlin die Aufgabe übernommen, die Rekrutierung internationaler Wissenschaftler:innen voranzutreiben. Mittlerweile ist sie tief im Thema, und wir wollten wissen: Wie läuft’s?
Liebe Silvia, die Einstein Stiftung unterstützt die Internationalisierung der Berliner Wissenschaft. Gib uns bitte einen Einblick: Was steckt dahinter und wie macht sie das?
Internationalisierung gehört für die Einstein Stiftung Berlin seit jeher zu den strategischen Schwerpunkten, weil exzellente Wissenschaft nur im internationalen Austausch entstehen kann. Unser Ziel ist es, herausragende Forschende aus aller Welt für Berlin zu gewinnen und sie hier zu halten. Der wichtigste Hebel dafür sind unsere Förderprogramme, vor allem Einstein-Professur, das Einstein-Visiting-Fellow-Programm und Einstein Postdoctoral Grant. Darüber hinaus prüfen wir, welche weiteren Maßnahmen oder Kooperationen mit anderen Drittmittelgebern sinnvoll sein könnten. Erfreulich ist, dass wir dabei aktuell vom Land Berlin unterstützt werden, das zusätzliche Mittel für die Internationalisierung bereitgestellt hat.
Ist Berlin nicht schon international genug?
Klar, Berlin ist bereits sehr international: Rund 20 Prozent der Studierenden an Berliner Hochschulen kommen aus dem Ausland, und mehrere Tausend ausländische Wissenschaftler:innen sind an Hochschulen und außeruniversitären Einrichtungen beschäftigt. Dazu kommen die starken internationalen Kooperationen. Aber das heißt ja nicht, dass wir uns zurücklehnen können – eher im Gegenteil. Gerade wenn man langfristig exzellent bleiben will, muss man den internationalen Austausch und die Gewinnung von Talenten weiter stärken – auch wenn das gerade nicht überall auf der Welt so gesehen wird.
Warum profitiert Berlin besonders von Forscher:innen mit außereuropäischem Hintergrund?
Wissenschaft lebt davon, dass unterschiedliche Perspektiven zusammenkommen. Forschende aus außereuropäischen Kontexten bringen oft andere Erfahrungen, Methoden und Fragestellungen mit – und genau das bereichert und gibt neue Impulse. Außerdem stärkt die internationale Rekrutierung nicht nur einzelne Projekte, sondern schafft langfristige Netzwerke und Verbindungen in globale Forschungszusammenhänge. Davon profitiert am Ende der gesamte Wissenschaftsstandort.
Was schätzen zugezogene Wissenschaftler:innen an Berlin?
Ich denke, dass viele das exzellente Forschungsumfeld und die offene, internationale Stadtgesellschaft schätzen. Auf der einen Seite bietet Berlin eine außergewöhnlich hohe Dichte an Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen sowie zahlreiche interdisziplinäre Projekte. Ein Vorteil ist auch die Berlin University Alliance, die Austausch und Kooperation über Institutionsgrenzen hinweg ermöglicht. Auf der anderen Seite ist Berlin eine multikulturelle Stadt mit einer Vielzahl an englischsprachigen Angeboten. Das erleichtert das Ankommen und hilft dabei, sozialen Anschluss zu finden.
Was sind die größten Herausforderungen bei der internationalen Rekrutierung?
Eine Hürde ist sicherlich die Sprache. Man kommt in Berlin mit Englisch zwar schon sehr weit, aber je nach Aufgabe geht es nicht ohne Deutschkenntnisse, vor allem, wenn die Wissenschaftler:innen in der Lehre tätig sein sollen. Das führt dazu, dass ein langfristiger Wechsel nach Berlin oft gar nicht erst ernsthaft in Betracht gezogen wird. Ein weiterer Punkt ist die angespannte finanzielle Situation an den Berliner Universitäten, die bei der internationalen Rekrutierung nicht hilfreich ist – gerade im Vergleich mit besser ausgestatteten Standorten. „Arm, aber sexy“ überzeugt in der Wissenschaft leider nicht. Hinzu kommt das Thema Karrieresicherheit: Tenure-Track-Stellen sind nach wie vor rar, und diese Unsicherheit kann die Entscheidung für einen Umzug nach Berlin erschweren. Solche strukturellen Probleme können wir als Einstein Stiftung Berlin nur begrenzt ausgleichen.
Allein in diesem Jahr hat die Stiftung acht internationale Postdocs unter anderem aus den USA, Israel und Großbritannien für Berlin gewonnen. Wie wichtig ist es, in aufstrebende Wissenschaftler:innen zu investieren?
Das ist aus unserer Sicht entscheidend. Wir möchten frische Ideen nach Berlin holen und hoffen natürlich, dass die jungen Talente auch hierbleiben – so stärken wir nachhaltig die wissenschaftliche Exzellenz. Postdocs sind zudem am Anfang ihrer Karriere oft beruflich wie auch privat flexibler und eher gewillt, für ihre Forschung umzuziehen.
Was steht für dich in diesem Jahr noch auf dem Programm?
Im August reisen wir zur GAIN-Jahrestagung in die USA. Dort kommen Nachwuchswissenschaftler:innen mit Vertreter:innen der deutschen Wissenschaftslandschaft zusammen – und ich hoffe auf viele gute Gespräche. Mich interessiert besonders, was Berlin für Postdocs attraktiv macht und welche Hürden einem Umzug noch im Weg stehen. Gleichzeitig tauschen wir uns als Stiftung viel mit den Berliner Universitäten und Partnerinstitutionen aus, um unsere Programme weiterzuentwickeln und auf die sich verändernden Bedarfe auszurichten. Außerdem wollen wir unsere Angebote noch sichtbarer machen – etwa über die Plattform Berlin Calling.
Vielen Dank und viel Erfolg weiterhin!

