Kann ein ganzer Kontinent der „Hinterhof“ einer Großmacht sein? Die aktuelle Regierung der USA sieht es als legitim an, politische und wirtschaftliche Interessen in Lateinamerika durchzusetzen – auch gegen den Willen nationaler Regierungen. Der Lateinamerika-Experte und Historiker Stefan Rinke über die historische Kontinuität US-amerikanischer Interventionspolitik vor dem Hintergrund neuer globaler Machtverschiebungen
Interview: Martin Kaluza

Am 2. Dezember 1823 formulierte der US-amerikanische Präsident James Monroe in seiner Rede zur Lage der Nation den Führungsanspruch der USA auf dem amerikanischem Doppelkontinent. Die außenpolitischen Grundsätze, die er darin entwarf, prägen seitdem als „Monroe-Doktrin“ die Außenpolitik der Vereinigten Staaten. Auf welche Situation war sie damals eine Antwort?
Stefan Rinke: Die Doktrin war vor allem eine Defensivansage an die Europäer. Die Lateinamerikaner waren da noch gar nicht groß mitgedacht. Die USA fühlten sich zu Recht bedroht. Sie hatten 1812 im Krieg gegen England erlebt, wie schnell eine alte Kolonialmacht wieder militärisch präsent sein kann. Es war nicht auszuschließen, dass die Spanier auch noch einmal nach den alten Kolonien greifen würden. Und mit der Heiligen Allianz, dem Bündnis, das die Monarchen Russlands, Österreichs, Preußens und später Frankreichs nach dem Sieg über Napoleon geschlossen hatten, gab es eine starke Machtkonzentration in Europa, die sich die Wiedererrichtung der Monarchien in ihrer ganzen Größe auf die Fahnen geschrieben hatte.
Haben die USA in der Folge Lateinamerika zu ihrer Kolonie gemacht?
Teile der ehemaligen spanischen und portugiesischen Besitzungen in Lateinamerika wurden in der Tat kolonisiert, das kann man im Fall Puerto Ricos, Kubas und phasenweise Panamas, dessen Loslösung von Kolumbien die USA 1903 betrieben, so beschreiben. Aber eine Kolonialisierung haben die USA nicht dauerhaft und vor allem auch nicht im selben Sinne betrieben, wie das die Europäer bei der Aufteilung der Welt in Afrika und Asien taten. Statt Kolonialismus würde ich von Interventionismus sprechen. Das ist die Kontinuität in den Aktivitäten der USA in Lateinamerika: ein Interventionismus, der sich unterschiedlicher Instrumente und Strategien bedient.
Bis zum heutigen Tag ist das immer wieder wellenartig hochgekommen und manchmal auch abgeebbt – je nach Interesse der USA und nach politischer Weltlage.

Die Regierung Trump hat die Monroe-Doktrin wieder zum Zentrum ihrer Außenpolitik gemacht und noch erweitert. Die New York Post sprach von der „Donroe-Doktrin“. Was macht deren Ausrichtung aus?
Die so genannte „Donroe-Doktrin“ ist aus meiner Sicht nichts anderes als die Wiederbelebung des Roosevelt Corollary aus dem Jahr 1904. Der republikanische Präsident Theodor Roosevelt, den Trump bewundert, hat in diesem Zusatz zur Monroe-Doktrin für die USA das Recht beansprucht zu intervenieren, wenn es in Lateinamerika zu Unruhen kommt. Er wollte eingreifen können, um europäischen Eingriffen vorzubeugen.
In der Zeit des Hochimperialismus vor dem Ersten Weltkrieg war das nachvollziehbar. Die Europäer hatten 1903 Venezuela unter Beschuss genommen, weil das Land damals seine Schuldenzahlungen nicht rechtzeitig beglich. Man hat dort Kanonenboote hingeschickt, die deutsche Kriegsmarine war beteiligt, aber auch andere europäische Länder. Die USA werteten das als Angriff auf ihre eigene Hemisphäre. Als Reaktion darauf formulierte Roosevelt seine Neuauslegung der Monroe-Doktrin. Trump hat nur neu aufgekocht, was vor dem Ersten Weltkrieg schon einmal der Fall war.
Im Januar 2026 haben die USA in einer Militäraktion Venezuelas Diktator Nicolás Maduro festgenommen und in die USA gebracht. Ihrer Rhetorik nach haben sie ihn „festgenommen“. Wie wird das in Venezuela und anderen Ländern Lateinamerikas gesehen?
Da gibt es unterschiedliche Meinungen. Man kann sagen, dass die große Mehrheit der Öffentlichkeit schon sehr kritisch und gereizt darauf reagiert hat. Andererseits hat die Trump-Regierung heute sehr viele Sympathisanten in höchsten Regierungsstellen, nämlich die neue lateinamerikanische Rechte, die zuletzt in mehreren Ländern an die Macht gekommen ist. Viele Politiker und Staatsoberhäupter sehen sehr entspannt, was in Venezuela geschehen ist und klatschen vielleicht sogar Beifall, weil sie hoffen, dadurch bei Trump Punkte zu machen. Das entspricht allerdings kaum dem Stimmungsbild in den jeweiligen Bevölkerungen. Selbst die Wähler dieser Parteien sind größtenteils nicht einer Meinung mit den gewählten Rechtsaußen, sondern sehen diesen Eingriff der USA als Rückfall in eine rüde Form des Imperialismus.
Vielen Menschen brennen die realen sozialen Probleme unter den Nägeln
Ist der Rechtsruck, den Lateinamerika gerade erlebt – mit Javier Milei in Argentinien, Antonio Kast in Chile, Kiko Fujimori in Peru und Abelardo de la Espriella in Kolumbien – ein Erfolg der US-amerikanischen Außenpolitik?
Mit Sicherheit nicht. Trump ist noch nicht so lange an der Macht, dass er diese politischen Umschwünge über Jahre hätte beeinflussen können. Der Aufschwung der Rechtsaußenparteien Lateinamerikas ist vielmehr zu erklären aus den Umständen in den jeweiligen Ländern, wo politische Probleme über Jahrzehnte ungelöst geblieben sind und wo die traditionellen Parteien und Politiker den Wählern keine Lösungsangebote machen konnten. Das Scheitern der traditionellen Politik ist ein Grund dafür, warum eine populistische Rechte mit ihren billigen Parolen so stark an Wählerstimmen hinzugewinnen konnte. Vielen Menschen brennen die realen sozialen Probleme unter den Nägeln, etwa in Argentinien die galoppierende Inflation und die Tatsache, dass es zu Milei seinerzeit keine Alternative gab. Die Peronisten, gegen die er angetreten war, hatten das Land abgewirtschaftet, es herrschte eine gewisse Aussichtslosigkeit.
Der Aufstieg der Rechten folgt auf eine Welle eher linker Regierungen, die zu Beginn dieses Jahrhunderts in vielen Ländern Lateinamerikas gewählt wurden. Wie kam es zu dem Stimmungswechsel?
Damals sprach man von einer „pinken Welle“. Die linken oder linksgerichteten Regierungen, die damals an die Macht kamen, profitierten von der enormen Rohstoffnachfrage, die vor allem aus China generiert wurde. Dadurch war es möglich, auch sozialpolitische Maßnahmen umzusetzen und Armut zu bekämpfen. Damals wurden Aufstiegshoffnungen geweckt, gerade in den lateinamerikanischen Mittelschichten.
Nachdem der Rohstoffboom endete, gingen die staatlichen Einnahmen zurück. In den letzten zehn bis fünfzehn Jahren wurden die Aufstiegserwartungen, die man hatte, vielerorts enttäuscht. Das war Wasser auf die Mühlen der radikalen Rechten, die jetzt in unterschiedlicher Ausformung an die Macht gekommen sind. Die Regierungen der damaligen „pinken Welle“, etwa Lula in Brasilien und Bachelet in Chile, waren untereinander sehr unterschiedlich. Und das trifft jetzt auch auf die rechte Welle zu. Kast und Milei betreiben durchaus eine unterschiedliche Politik.
Delcy Rodríguez' Rolle zu beurteilen, fällt mir schwer
Übergangspräsidentin Delcy Rodríguez sagte nach der Festnahme Maduros, dass sie Venezuela nicht als Kolonie der Vereinigten Staaten sieht. Hat das Eingreifen der USA in Venezuela den Rückhalt für die dortige Machtelite aus Ihrer Sicht eher erhöht oder geschwächt?
Delcy Rodríguez' Rolle zu beurteilen, fällt mir schwer. Das fällt auch meinen venezolanischen Kollegen schwer, weil kaum zu durchschauen ist, was da gerade passiert. Rodríguez und andere Regierungsmitglieder klammern sich an ihre Posten und scheinen bereit zu sein, viele Zusagen zu machen, um die Bedrohung durch die USA abzuwenden. Und die USA sind nicht angetreten, um dort wirklich einen Regimewechsel zu beschleunigen, die Demokratie zu reparieren oder freiheitliche Wahlen zu ermöglichen. Sie sind angetreten, um ihre eigenen Interessen zu schützen, und die gelten den Erdölreserven Venezuelas.

Sie beschreiben in Ihrem aktuellen Buch zur Geschichte der US-Interventionen in Lateinamerika, dass dieser Interventionismus weit mehr sei als Militäroperationen wie zuletzt die Entführung Nicolás Maduros. Wie weit ist das Spektrum? Wie gehen die USA in anderen Ländern, etwa in Kuba, vor?
Ich vermute, dass die USA in Kuba einen ähnlichen Deal anstreben wie in Venezuela. Man wird versuchen, das vorhandene Regime in gewisser Hinsicht sogar zu stabilisieren, weil man nicht weiß, was passiert, wenn es plötzlich weg ist. In Kuba ist die revolutionäre Regierung seit mittlerweile bald 70 Jahren an der Macht und hat entsprechende Strukturen aufgebaut. Die USA wollen keineswegs, dass sich ein machtpolitisches Vakuum ergibt, aus dem neue Sicherheitsrisiken entstehen können.
Man will auch keine unkontrollierte Massenauswanderung von Kubanern nach den USA. Es geht den USA auch hier um eine kontrollierte Durchsetzung der eigenen Interessen, die Interessen des kubanischen Volkes spielen dabei überhaupt keine Rolle. Ziel ist es, dass sich das Regime in Kuba öffnet, wieder US-amerikanische Investitionen zulässt und die Insel wieder zu dem wird, was sie bis zur kubanischen Revolution war – ein Urlaubsparadies, in dem US-Amerikaner machen und treiben konnten, was man in den USA nicht durfte.
US-Interventionen zogen in der Politik, unter Intellektuellen und im öffentlichen Diskurs der betroffenen Länder oft Anti-US-Amerikanismus nach sich. Sie beschreiben, dass es dennoch immer wieder Phasen der Anpassung gab. Wie kann man diese Ambivalenz verstehen?
Die USA waren für Lateinamerikaner, zunächst für die Intellektuellen, aber zunehmend auch für die breiten Massen, immer beides: Zum einen waren sie ein abschreckendes Beispiel für Imperialismus und für Interventionen, die sie am eigenen Leib erfahren und erdulden mussten; zum anderen aber auch ein Vorbild, ein Modell für eine vergleichsweise erfolgreiche Demokratie mit funktionierenden Institutionen, die die Kontinuität der Verfassung gewährleisteten. In den allermeisten Ländern Lateinamerikas war das nicht der Fall, man hat, gerade im 19. Jahrhundert, oft neue Verfassungen geschrieben. Im 20. Jahrhundert kam es zu einem vielfältigen Austausch.
Bis heute sind die USA mit Abstand der akademische Markt, der die meisten jungen Lateinamerikanerinnen und Lateinamerikaner aufnimmt. Allerdings sind deren Erfahrungen nicht immer nur positiv, sie können auch zu kritischen Reaktionen führen. Diese Hassliebe der Lateinamerikaner gegenüber den USA besteht zweifellos bis zum heutigen Tag.
Diese Hassliebe der Lateinamerikaner gegenüber den USA besteht zweifellos bis zum heutigen Tag
Am 3. Januar 2026, am Tag der militärischen Intervention in Venezuela, sagte Trump: „Die amerikanische Dominanz in der westlichen Hemisphäre wird niemals wieder infrage gestellt.“ Zielt dieses Muskelzeigen in Lateinamerika auch darauf, den Rest der Welt zu beeindrucken?
Vor allem China. China hat seit Beginn des Jahrtausends enorme Anstrengungen unternommen, um in Lateinamerika Fuß zu fassen, und es war sehr erfolgreich. Trump will zeigen: Wir sind hier präsent! Das entspricht auch dem Stil der heutigen Weltpolitik. Mit Venezuela, Kuba und zuletzt, wenn auch zunächst nur in Form von Sanktionen gegen einzelne Staatsvertreter, Nicaragua hat er die drei letzten Außenposten des alten Sozialismus ins Visier genommen. Dieses Säbelrasseln ist der Versuch, die Chinesen zu beeindrucken und ihnen klarzumachen, dass sie dort nicht endlos expandieren können. Ob das allerdings in China Wirkung zeigen wird, wage ich zu bezweifeln. Ich habe bisher keinerlei Reaktionen in diese Richtung gesehen. Die Expansion verläuft zwar nicht ohne Hindernisse, aber China ist nach wie vor ein wichtiger Handelspartner für viele lateinamerikanische Länder, und das wird sich auch so schnell nicht ändern.

