14.07.2026
Einstein Stiftung Berlin bewilligt neun neue Förderungen
Der Vorstand der Einstein Stiftung Berlin hat neun neue Förderungen mit einem Gesamtvolumen von 4,74 Millionen Euro für die kommenden fünf Jahre bewilligt. Gefördert werden zwei Einstein-Professuren, ein Einstein Berlin/HUJI-Forschungsvorhaben, fünf Wissenschaftler:innen im Programm Einstein Postdoctoral Grant und ein Wissenschaftler im Programm der Wissenschaftsfreiheit. Die Vorhaben reichen thematisch von algebraischer Geometrie über neuartige Ansätze der Quantensimulation und Klimaforschung bis hin zu sozialen Dynamiken rund um die Einrichtung von Naturschutzgebieten. Mit den Entscheidungen stärkt die Stiftung den Wissenschaftsstandort Berlin und unterstützt zugleich seine internationale Vernetzung.
Einstein-Professur
Gavril Farkas ist Professor für Algebraische Geometrie an der Humboldt-Universität zu Berlin und leitet seit 2007 den gleichnamigen Lehrstuhl dort. Er gilt als einer der weltweit führenden Experten auf dem Gebiet der Theorie algebraischer Kurven und der Modulräume in der algebraischen Geometrie. Algebraische Kurven, die vor fast zwei Jahrhunderten eingeführt wurden, sind zentrale Objekte in zahlreichen Bereichen der Mathematik und der theoretischen Physik. In seiner Forschung befasst er sich mit grundlegenden mathematischen Fragen zur Struktur und Klassifikation solcher Kurven sowie zu den Räumen, in denen sie sich systematisch beschreiben lassen. Ein weiterer Schwerpunkt seiner Arbeit liegt auf dem Zusammenhang zwischen Kurvengleichungen und ihren geometrischen Eigenschaften; damit verbindet er unterschiedliche Teilgebiete der Mathematik auf neuartige Weise und trug damit entscheidend zur Lösung wichtiger Vermutungen bezüglich Syzygien algebraischer Kurven bei. Dank der zusätzlichen Mittel durch die Einstein-Professur wird mit ihm ein Wissenschaftler in Berlin gehalten, der die Mathematik in der Hauptstadt durch seine international sichtbare Forschung und sein Engagement für den wissenschaftlichen Nachwuchs maßgeblich prägt.
Mit seiner Förderung als Einstein-Professor konnte auch der Verbleib von Professor Harald Prüß in Berlin gesichert werden, wo er Direktor der Abteilung für Experimentelle Neurologie und der Sektion ‚Autoimmunität und Neurodegeneration‘ an der Charité – Universitätsmedizin Berlin sowie Forschungsgruppenleiter am Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) ist. Im Zentrum seiner wissenschaftlichen und klinischen Arbeit stehen autoimmune Enzephalopathien – Hirnerkrankungen, bei denen fehlgeleitete Antikörper Neuronen oder synaptische Rezeptoren angreifen und neurologische wie psychiatrische Symptome auslösen. Professor Prüß zählt national wie international zu den prägenden Forschenden auf diesem Gebiet. Mit Arbeiten unter anderem zur Anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis oder zu autoimmunen Demenzen hat er maßgeblich zum Verständnis dieser Erkrankungen beigetragen. Seine translationale Forschung hat zudem die Voraussetzungen dafür geschaffen, diese seltenen Erkrankungen präziser diagnostizieren und betroffene Patient:innen früher immuntherapeutisch behandeln zu können.
Einstein Berlin/HUJI Forschungsvorhaben
Das Forschungsprojekt Plasmon-Coupled Excitonic Arrays for Quantum Simulation der drei Physik-Professoren Kirill Bolotin (Freie Universität Berlin) sowie Hadar Steinberg und Ronen Rapaport (beide Hebrew University Jerusalem) untersucht neuartige Quantensysteme in Halbleitern, um das Verhalten vieler wechselwirkender Quantenteilchen besser zu verstehen. Dabei sollen mehrere aktuelle Forschungsfelder wie Exzitonik, Nanoplasmonik und Quantensimulation in einer gemeinsamen experimentellen Plattform zusammengeführt werden. Im Mittelpunkt stehen Exzitonen, also gebundene Elektron-Loch-Paare, die bei der Absorption von Licht entstehen. Mithilfe extrem dünner Halbleiterschichten und präziser elektrischer Steuerung wollen die Forschenden geordnete Exzitonen-Arrays erzeugen. Ziel des ambitionierten Forschungsvorhabens ist es, eine Festkörperplattform zu entwickeln, mit der sich komplexe Quanteneffekte kontrolliert simulieren und potenzielle Nutzungen in künftigen Anwendungen besser untersuchen lassen.
Einstein Postdoctoral Grant
Ruben Gerrits wird als Einstein Independent Researcher bei Professor Dietrich Volmer im Bereich Bioanalytische Chemie der Humboldt-Universität zu Berlin untersuchen, ob Melanin als langfristige Kohlenstoffsenke in Böden zum Klimaschutz beitragen kann. Dieses dunkle Polymer, das nicht nur in der Haut von Menschen und Tieren, sondern auch von vielen Pilzen und Bakterien gebildet wird, erfüllt mehrere umweltrelevante Funktionen und gilt als besonders zersetzungsbeständig. Mithilfe eines biomarkerbasierten Ansatzes wird Ruben Gerrits untersuchen, in welchen Mengen Melanin in natürlichen Böden vorkommt. Das Projekt ist besonders innovativ, weil es sich auf eine spezifische persistente organische Kohlenstoffverbindung im Boden konzentriert, während viele bestehende Klimaschutzansätze entweder anorganische Sequestrierungsformen wie Karbonate oder den organischen Bodenkohlenstoff insgesamt in den Blick nehmen. Darüber hinaus soll geklärt werden, welche Umweltfaktoren die Bildung und Anreicherung von Melanin fördern und ob Huminstoffe, die wichtige organische Kohlenstoffspeicher im Boden darstellen, möglicherweise tatsächlich aus Melanin hervorgehen.
Mahmood Soofi wird als Einstein Independent Researcher am Geographischen Institut der Humboldt-Universität zu Berlin eine unabhängige Forschungsgruppe aufbauen und leiten, die sich mit einer zentralen Frage des Naturschutzes befasst: wie unterschiedliche Prioritäten, Abhängigkeiten und Wahrnehmungen die Beziehungen in und um Schutzgebiete prägen. Während der Erhalt der biologischen Vielfalt für viele im Vordergrund steht, sind lokale Gemeinschaften oft auf natürliche Ressourcen angewiesen, um ihre Ernährung zu sichern und ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. In Kamerun untersucht Dr. Soofi mit seinem Team, wie diese Faktoren zu Spannungen zwischen Schutzgebietsverwaltungen und lokalen Gemeinschaften führen. Indem sie sozialpsychologische und ökologische Ansätze zusammenführen, entwickeln die Forschenden einen neuartigen interdisziplinären Rahmen zur Analyse dieser Dynamiken und prüfen, ob evidenzbasierte Schulungen Kommunikation, Vertrauen und Zusammenarbeit fördern können. Die gewonnenen Erkenntnisse sollen dazu beitragen, Entscheidungen im Naturschutz wirksamer, gerechter und sozial ausgewogener zu gestalten.
Als dritte Geförderte im Programm Einstein Independent Researcher an der Humboldt-Universität zu Berlin forscht Irene Spelta im Bereich der Mathematik mit einem besonderen Schwerpunkt auf komplexer algebraischer Geometrie. Im Mittelpunkt ihrer Arbeit steht der Torelli-Lokus, ein zentrales Objekt der algebraischen Geometrie, das die Beziehung zwischen algebraischen Kurven und den ihnen zugeordneten abelschen Varietäten beschreibt. Ziel ihres Projekts ist es, das Verständnis des Torelli-Lokus durch die Untersuchung seiner geometrischen und arithmetischen Eigenschaften zu vertiefen. Die Forschung soll neue Erkenntnisse zu grundlegenden Fragen der Geometrie und Zahlentheorie sowie zu Moduli-Räumen liefern - mit möglichen Auswirkungen auf die algebraische Geometrie, die Zahlentheorie und angrenzende Bereiche der Mathematik.
Um die Internationalisierung des Standorts Berlin weiter voranzutreiben, erhält die Einstein Stiftung zusätzliche Mittel vom Senat, mit denen zwei weitere Wissenschaftler:innen im Programm Einstein Postdoctoral Grant gefördert werden:
An der Charité – Universitätsmedizin Berlin untersucht Xinyue Cui in der Gruppe von Einstein-Professor Benjamin Judkewitz, wie das Gehirn konkurrierende Grundbedürfnisse wie Nahrungsaufnahme und Kommunikation koordiniert. Im Zentrum des Projekts steht die Frage, wie der Ernährungszustand die akustische Kommunikation beeinflusst und welche neuronalen Schaltkreise diese Anpassung steuern. Für ihre Forschung nutzt Dr. Cui, die nach einem Abschluss an der Cornell University (USA) nun nach Berlin gekommen ist, den transparenten Fisch Danionella cerebrum, an dem sich Aktivität im gesamten Gehirn besonders gut untersuchen lässt. Das Projekt soll zeigen, welche Hirnnetzwerke an dieser Verhaltensanpassung beteiligt sind und wie sie die Kommunikation der Tiere beeinflussen. So soll es neue Einblicke in grundlegende Mechanismen der Verhaltenssteuerung liefern, die auch für die biomedizinische Forschung relevant sind.
Der zuletzt an der Harvard University tätige Jonathan Teubner befasst sich an der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin im Team von Professor Judith Becker mit der Frage, wie der deutsche Gelehrte Adolf von Harnack (1851–1930) die Erforschung des frühen Christentums in den Vereinigten Staaten und in Großbritannien im 20. Jahrhundert geprägt hat und welche Bedeutung dieses Erbe heute für das Fach besitzt. Im Mittelpunkt steht, wie seine Ideen an maßgeblichen Institutionen aufgenommen, weiterentwickelt oder zurückgewiesen wurden. Dabei berücksichtigt das Vorhaben auch die anhaltende Kritik an Harnacks Deutungen, insbesondere an seiner These einer „Hellenisierung“ des Christentums und an seiner scharfen Trennung von Christentum und Judentum. Ziel ist eine umfassende Darstellung seiner anglophonen Rezeption sowie die Entwicklung neuer Perspektiven für die Erforschung des frühen Christentums.
Einstein Guest Researcher (Wissenschaftsfreiheit)
Im Programm der Wissenschaftsfreiheit hat der Vorstand die Förderung für einen Wissenschaftler an der Charité – Universitätsmedizin bewilligt. Namen und Projekte der Einstein Guest Researchers werden aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes grundsätzlich nicht bekannt gegeben.
Die Einstein Stiftung Berlin ist eine gemeinnützige, unabhängige und wissenschaftsgeleitete Einrichtung, die 2009 als Stiftung bürgerlichen Rechts gegründet wurde. Sie fördert Wissenschaft und Forschung fächer- und institutionenübergreifend in und für Berlin auf internationalem Spitzenniveau. Rund 250 Wissenschaftler:innen – unter ihnen drei Nobelpreisträger –, über 70 Projekte und zehn Einstein-Zentren wurden bislang gefördert.
Für die Wissenschaft. Für Berlin.

