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Grenzenlos gesund

Ein Beitrag aus ALBERT Nr. 11 "Gesundheitsforschung"

Pandemien, multiresistente Erreger oder mentale Probleme machen vor Ländergrenzen nicht Halt. Die Global-Health-Forschung widmet sich diesen Herausforderungen aus medizinischer, epidemiologischer, sozioökonomischer und politischer Sicht. In Berlin bringen die Kinderinfektiologin Beate Kampmann und der Präsident des World Health Summit, Axel Pries, den Forschungsschwerpunkt voran und werben für die Anerkennung seiner politischen Relevanz. Mit ALBERT sprachen sie über die Herausforderungen für Gesundheit in einer stark vernetzten Welt

Interview: Mirco Lomoth

Sie beide schauen auf Krankheit und Gesundheit aus einer globalen Perspektive. Mal provokativ gefragt: Was geht es uns an, ob die Menschen in Asien oder Afrika gesund sind? 

Kampmann Gesunde Menschen können mehr zur Gesellschaft und ihrer Stabilität beitragen – etwa, indem sie ihre Arbeitskraft bereitstellen. Kranke Leute haben andere Prioritäten. Länder zu stärken und ihnen zu helfen, ihre Gesundheitssysteme aufzubauen, ist überdies geopolitisch klug. Wenn wir das tun, schaffen wir Vertrauen im internationalen Dialog und in der Diskussion um europäische Werte.

Pries Als wohlhabendes Land haben wir eine humanitäre Verantwortung gegenüber ärmeren Ländern. Wir müssen aber auch aus eigennützigen Gründen daran interessiert sein. Gesundheitliche Probleme in anderen Ländern haben früher oder später Auswirkungen auch bei uns, etwa durch die Ausbreitung von Infektionskrankheiten, politische Krisen, Flüchtlingsbewegungen oder instabile Exportmärkte. Wir leben nicht auf einer Insel der Glückseligen und können die anderen sich selbst überlassen. Ein deutsches Engagement für globale Gesundheit dient auch dazu, eine gute gesundheitliche und wirtschaftliche Zukunft für die deutsche Bevölkerung zu sichern. 

 

Es ist also sinnvoll, deutsche Steuergelder in die globale Gesundheit zu investieren?

Pries In jedem Fall. Denn nur mit stabilen und leistungsfähigen Partnerländern, in denen die Menschen gesund sind, kann man zuverlässig Waren und Ideen austauschen. Deutschland ist ein Exportland und hat gerade im Bereich Gesundheit enorm viel anzubieten – von medizinischer Technik und pharmazeutischen Präparaten bis hin zu einem erprobten Modell für Sozialsysteme. Humanitäre und ökonomische Interessen schließen sich nicht aus. „Tue Gutes und verdiene Geld damit“ kann ein Win-win für beide Seiten sein, wenn es transparent und fair gestaltet wird.

Kampmann Wir müssen von der kolonialen Tradition der Einbahnstraßenbeziehung der „Hilfeleistungen“ wegkommen und partnerschaftliche Investitionsmodelle entwickeln. Viele Länder des globalen Südens wollen kein einseitiges Hilfemodell mehr. Es ist ja nicht so, dass diese Länder alle kein Geld haben. Sie sind durchaus in der Lage, Verantwortung zu übernehmen. Und wir können einiges von ihnen lernen. In Deutschland haben wir jetzt zum Beispiel Fälle von Dengue, Zika oder Chikungunya. Die sind in Südostasien weit verbreitet, aber wir kennen uns damit nicht gut aus. Wenn hier jemand mit Dengue-Schock ankommt, sind wir erst einmal aufgeschmissen. Auch um darauf vorbereitet zu sein, sind gleichberechtigte Partnerschaften unheimlich wertvoll.

Länder zu stärken und ihnen zu helfen, ihre Gesundheitssysteme aufzubauen, ist geopolitisch klug. Wenn wir das tun, schaffen wir Vertrauen im internationalen Dialog

Beate Kampmann

Wenn Sie mit ihren jeweiligen Brillen als Infektiologin und als Physiologe auf die aktuelle Situation schauen, welche Krankheiten sind global derzeit am besorgniserregendsten?

Kampmann Infektionskrankheiten bleiben global gefährlich – COVID-19 hat das gezeigt. Und sie können überall entstehen. Das beweist die Verbreitung von Vogelgrippe H5N1 in den USA, die uns viel Sorge bereitet. Wir müssen uns darauf einstellen, dass sich durch den Klimawandel Tiere ausbreiten, die Krankheiten übertragen, und zunehmend neue Infektionskrankheiten auftreten; durch Überflutungen beispielsweise Salmonellenerkrankungen oder Cholera. Zudem nehmen Antibiotikaresistenzen überall zu, nicht nur in Afrika oder Asien, auch hier an der Charité. Weltweit sterben geschätzt über eine Million Menschen pro Jahr an resistenten Erregern. 

Pries Zusätzlich zu den Infektionskrankheiten gibt es viele nicht-übertragbare Erkrankungen, die sich global verbreiten. Diese werden in der Öffentlichkeit zwar weniger als akute Bedrohung wahrgenommen, aber sie gefährden ein gesundes, aktives Leben genauso wie Infektionskrankheiten und sind global sogar die häufigste Todesursache. Dazu gehören Herz-Kreislauf-Erkrankungen und metabolische Erkrankungen wie Diabetes. Übergewicht ist eine globale Epidemie, die keineswegs vom Süden in den Norden geschwappt ist, sondern aufgrund von Ernährungsmustern und Lebensstilen eher in die umgekehrte Richtung. Herzschwäche, also Herzinsuffizienz, ist in Afrika inzwischen genauso relevant wie bei uns – und genauso gefährlich für die Betroffenen. Aber auch psychische Erkrankungen spielen zunehmend eine Rolle, gerade für Jugendliche und junge Erwachsene

Wenn die meisten Krankheiten global verbreitet sind, umfasst Global Health dann alle Bereiche der Medizin – oder wie lässt sich das Konzept eingrenzen?

Kampmann Wenn man über Gesundheit oder Krankheit nachdenkt, denkt man zunächst an Einzelpersonen und das persönliche Wohlergehen. Dehnen wir das auf den Umkreis der Familie oder eine Gemeinschaft aus, sind wir bei Public Health, also öffentlicher Gesundheit. Das Forschungsfeld Global Health schaut auf den größeren Lebensraum, in dem wir uns alle befinden. Es umfasst nicht nur Krankheiten, sondern auch Gesundheitssysteme und sozioökonomische Determinanten für ein gesundes Leben: Wenn man zum Beispiel keine Krankenversicherung hat und keinen Zugang zu medizinischer Versorgung, ist das zwar ein persönliches Problem, aber auch ein öffentliches und ein globales. Denn die Gesundheitsversorgung ist nicht für alle Menschen gleich zugänglich und in ärmeren Ländern eher unzureichend, woraus Spannungen entstehen. Der persönliche Zugang zur Gesundheitsversorgung hat also immer auch eine sozioökonomische und politische Dimension.

Pries Global Health wird oft noch mit der Sichtweise der Kolonialzeit als Tropenmedizin missverstanden, also als eine Spezialmedizin für bestimmte Erkrankungen des globalen Südens. Das greift aber zu kurz. Global Health ist heute eher Health Globally, also Gesundheit für alle, überall auf der Welt. Die Versorgung mit Medikamenten gegen Herzinsuffizienz ist überall relevant. Sie kann aber sehr unterschiedlich sein, weil die Gesundheitssysteme und Lebensbedingungen zwischen und innerhalb von Ländern sehr verschieden sind. Global Health ist der Versuch, überall eine Gesundheitsversorgung zu gewährleisten, die ähnlichen Qualitätsstandards entspricht, sich aber an lokale Bedingungen anpasst.

Global Health ist der Versuch, überall eine Gesundheitsversorgung zu gewährleisten, die ähnlichen Qualitätsstandards entspricht, sich aber an lokale Bedingungen anpasst

Axel Pries

Wie könnte so ein lokal angepasstes Global-Health-Projekt aussehen?

Kampmann Ein Beispiel ist der Impfstoff gegen Gebärmutterhalskrebs. Wenn man den regelmäßig an Teenager austeilt, dann tritt diese Krebsart fast nicht mehr auf. In wohlhabenden Ländern gibt es eine regelmäßige Vorsorge, aber in vielen ärmeren Ländern nicht. Dort stirbt eine Vielzahl von Frauen daran. Wenn man dort ein Impfprogramm aufsetzt, muss man sich fragen, ob man es mit einer Diagnostik kombinieren kann, die auch jenen Personen, die nicht geimpft werden können, weil sie zu alt sind, eine Perspektive anbietet, die sie hier bei uns auch hätten. Ein anderes Beispiel ist die Bereitstellung von Selbsttests für HIV. Die Infektionskrankheit ist weiterhin mit einem großen Stigma belegt, viele Betroffene vermeiden daher öffentliche Gesundheitszentren und bevorzugen eigene Diagnostik. 

Pries Während der COVID-19-Pandemie kam die Frage auf, wie man mit Verstorbenen umgeht und wie das in die jeweilige Kultur hineinpasst. Wenn man da einfach eine One-size-fits-all-Lösung vorschreibt, mag das auf den ersten Blick wissenschaftlich korrekt sein, aber es kann kulturell und menschlich große Probleme verursachen. In bestimmten Kulturen erfordern die Bestattungsriten einen persönlichen Kontakt mit dem Leichnam vor dem Tod. Man kann Gesundheit nicht mit den simplen Regeln der Medizin gleichsetzen. Die Medizin gibt vor, was wünschenswert ist, aber Gesundheit erfordert die Einbettung in das soziale Umfeld. Gerade während der COVID-19-Pandemie sind hier Fehler gemacht worden, die das Vertrauen in die Medizin langfristig verringert haben. 

 

In Berlin gibt es seit 2023 das Charité Center for Global Health – welchen Fragen widmet es sich?

Kampmann Das Center bringt Forschende zusammen, die sich mit Konzepten von Global Health auseinandersetzen und sich auf spezifische Arbeitsbereiche spezialisiert haben – etwa Infektionskrankheiten, Frauengesundheit, mentale Gesundheit sowie Methoden der Modellierung, digitale Hilfsmittel im Gesundheitswesen oder qualitative und quantitative Ansätze in der Forschung. Damit ist ein Ökosystem entstanden, in dem Arbeitsgruppen inhaltlich und methodisch voneinander lernen und für interdisziplinäre Projekte und internationale Kooperationen zusammenkommen. 

Pries Rudolf Virchow hatte bereits erkannt, dass Gesundheit nicht nur medizinisch, sondern auch politisch gefördert werden muss, zum Beispiel durch die Verbesserung der Lebensbedingungen. Genauso hat die Charité verstanden, dass Gesundheit und Wohlstand für die deutsche Bevölkerung nicht nur in Deutschland, sondern auch durch globale Partnerschaften gesichert werden muss. Hier spielt das Center eine zentrale Rolle als Akteur, Kristallisationspunkt und Ideengeber.

 

Wie gut ist Berlin in der Global-Health-Forschung aufgestellt?

Kampmann Die Berlin University Alliance (BUA) als Zusammenschluss der drei Berliner Universitäten und der Charité hat Global Health 2019 zu einem Schwerpunktthema
gemacht. Seither wurden viele interdisziplinäre Forschungsprojekte gefördert, die den medizinischen mit einem sozialwissenschaftlichen Blick verbinden. Wichtig ist zudem der WHO Hub for Pandemic and Epidemic Intelligence, eine Zweigstelle der Weltgesundheitsorganisation in Berlin, sowie das Robert Koch-Institut. Gemeinsam bieten wir Trainingsmöglichkeiten im neuen PhD-Programm Global Health sowie den Austausch mit Kolleg:innen aus dem globalen Süden. Für mich war immer klar, dass ich Global-Health-Forschung innerhalb Deutschlands nur in Berlin betreiben werde, denn hier sind wir sowohl wissenschaftlich als auch mit der Nähe zur Politik sehr gut aufgestellt.

Und es gibt hier den jährlichen World Health Summit, dessen Präsident Sie sind, Herr Pries …

Pries Die Konferenz hat sich seit der Gründung durch  Detlev Ganten mit Unterstützung der damaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel im Jahr 2009 sehr dynamisch entwickelt. Das war der Anfang von Global Health in Berlin. Zuletzt haben über 4000 Menschen teilgenommen, und es wird uns von unseren Partnern weltweit gespiegelt, dass sie den World Health Summit als eine der wichtigsten, wenn nicht sogar die wichtigste Gesundheitskonferenz erachten, um strategische Lösungen für alle Aspekte von Health Globally zu entwickeln. Zusätzlich wirkt der World Health Summit mit der WHS Academic Alliance als global agierende Plattform führender Global-Health-Universitäten und -Organisationen weltweit. Die Einstein Stiftung Berlin fördert ab 2026 eine Einstein Research Unit (ERU) zu technologischen Aspekten von Global Health.

 

Welche Ziele haben Sie sich damit gesetzt, Frau Kampmann?

Kampmann An diesem neuen und spannenden interdisziplinären  Ansatz sind Forscher:innen aus allen vier BUA-Institutionen sowie sieben afrikanischen Partnerinstitutionen beteiligt. Es ist weithin bekannt, dass viele technologische Ansätze in der Medizin zwar gut gemeint sind, aber nicht zum gewünschten Erfolg führen. Ziel der ERU wird es daher sein, stärkere Bezüge zu den Endnutzer:innen solcher Technologien herzustellen. Dazu haben wir drei Fallstudien entwickelt, die sich auf die verschiedenen Stadien innerhalb des Technologiezyklus beziehen – von der Technologieentwicklung über Prototypen bis zur Implementierung. Eine der Fallstudien dreht sich um Impfstoffforschung. Seit der Pandemie gibt es Initiativen, Impfstoffe auch in Afrika herzustellen, wo bisher über 90 Prozent importiert werden. Wir wollen Kühlketten analysieren und darauf schauen, wie die unterschiedlichen Interessensgruppen – Regulationsbehörden, Industrie, Familien und Gesundheitsfachkräfte – zur lokalen Impfstoffproduktion stehen und wie sie interagieren. Die anderen Fallstudien befassen sich mit der Vermeidung von Antibiotikaresistenzen in Afrika und der Entwicklung eines digitalen Ansatzes für depressive Jugendliche. Gemeinsam mit unseren Partnern vor Ort geht es uns darum, partizipative Methoden für die Technologieeinführung zu entwickeln – und zu teilen.

 

Es wird also eine Forschung mit den Menschen sein?

Kampmann Genau. In der Vergangenheit bedeutete globale Gesundheitsforschung meist, dass weiße Leute nach Afrika fahren und versuchen, dort Gutes zu tun – die bereits erwähnte Einbahnstraße. Uns geht es heute darum, die großen Herausforderungen der globalen Gesundheit mit Institutionen und Universitäten in den Partnerländern gemeinschaftlich anzugehen und eine Forschungsagenda zu entwickeln, die maßgeblich von denjenigen bestimmt wird, die die Veränderungen am dringendsten brauchen.

Wie verbreitet ist diese partnerschaftliche Zusammenarbeit denn schon?

Kampmann Es gibt in Berlin ein neues Bestreben für die Umsetzung internationaler Kollaborationen. Die Berlin University Alliance hat 2024 die Africa Charter for Transformative Research Collaborations unterzeichnet. Jetzt geht es darum, diese Prinzipien umzusetzen. Dafür müssen administrative Strukturen und Gesetze geändert werden. Gerade in Afrika wurde während der COVID-19-Pandemie viel Vertrauen zerstört – es gab massive Kritik an der Fairness der Verteilung von Impfstoffen und Schutzmaterial. 

Wie stehen da die Chancen für vertrauensvolle Partnerschaften?

Pries Ich glaube, wir haben daraus gelernt, und im Kontakt  mit Afrika höre ich, dass die Menschen vor Ort durchaus verstehen, dass wir in Europa auch große Probleme in den COVID-19-Zeiten hatten. Mit dem Internationalen Pandemieabkommen ist es gelungen, Gegensätze zwischen Ländern des Nordens und des Südens partiell zu überwinden, um den nächsten Schritt gemeinsam zu gehen. Gerade aus Afrika wird sehr positiv auf Europa und Deutschland geschaut und man wünscht sich mehr Aktivität von unserer Seite. Das passt auch zur Rolle, die Global Health für Deutschland politisch und wirtschaftlich spielen könnte – wenn man die Chancen ergreift. 

Kampmann Afrika hat sich mittlerweile in vielen Bereichen aber auch unabhängige, eigene Ziele gesetzt. Beispiele dafür sind Organisationen wie die African Union, die Africa-CDC (Africa Centres for Disease Control and Prevention) und die African Research Universities Alliance (ARUA).

Bei aller Kritik am UN-Nachkriegssystem war es in den letzten drei Dekaden so erfolgreich und dynamisch wie nie zuvor, aber es ist jetzt an sein Ende gekommen und braucht eine Metamorphose

Axel Pries

Derzeit wird das globale Gesundheitssystem offensiv infrage gestellt. Wohin steuert es?

Pries Es ist völlig klar, dass die globale Gesundheitsarchitektur erschüttert ist und neu aufgebaut werden muss. Die Grundfesten für diese Struktur wurden nach dem Zweiten Weltkrieg und teilweise schon nach dem Ersten Weltkrieg mit der Überzeugung errichtet, dass man auf dieser Welt nur dann eine sichere Zukunft haben kann, wenn man multilaterale Regeln und Institutionen schafft. Diese Idee wird jetzt unter dem Gesichtspunkt des nationalen Eigennutzes und nationaler Souveränität angegriffen. Wenn aber jeder nur für sich und gegen alle anderen kämpft, dann werden wir gemeinsam untergehen. Auf dieser Welt, die immer kleiner wird und auf der wir zunehmend mit globalen Problemen wie der Klimakrise oder der Gefahr globaler militärischer Auseinandersetzungen konfrontiert sind, können wir nur überleben, wenn wir zusammenarbeiten. Das heißt, wir müssen das kooperative System wiederbeleben und weiterentwickeln. 

 

Kann man die aktuelle Situation auch als Chance für Reformen wahrnehmen?

Kampmann Für einen neuen Multilateralismus müssen  wir zusätzliche Partner ins Boot holen. Da gibt es schon Beispiele im globalen Gesundheitssystem, etwa die neue Bedeutung Indonesiens als Geldgeber für die Gavi-Impfallianz. China wird auch eine größere Rolle spielen. Dass es so viel Abhängigkeit von der Finanzierung durch die USA gab, war längerfristig nicht tragbar. Man kann aber auch nicht einfach den Hahn abdrehen, dann kommen Millionen Menschen zu Schaden. Das ist alles modelliert – für Tuberkulose, HIV oder die Gesundheit von Frauen. So zu handeln ist verantwortungslos. 

Pries Die Chance liegt darin, jetzt ein vernünftiges System zu entwickeln. Im Nachkriegssystem haben bestimmte Nationen eine Struktur geschaffen, in der sie humanitäre Ziele und eigene Interessen verbinden konnten, ohne öffentlich über ihre strategischen Ziele zu sprechen. Das wird der globale Süden nicht länger akzeptieren. Ein neues Konstrukt muss transparent, fair, partnerschaftlich und nachhaltig sein und allen Beteiligten Vorteile bringen. Keine leichte Aufgabe in der gegebenen geopolitischen Situation – aber eine, die wir bewältigen müssen! 

 

War das westlich dominierte Nachkriegsmodell nicht auch eine Erfolgsstory?

Kampmann Die globale Ausrollung von Impfstoffen hat enorm dazu beigetragen, dass die Kindersterblichkeit massiv gesunken ist. Aber auch die Bemühungen um sauberes Wasser waren eine wichtige Intervention. Es braucht nun eine Reformierung und Stärkung der Gesundheitssysteme in ärmeren Ländern. Dabei geht es um den gleichberechtigten Zugang zu medizinischen Dienstleistungen, Digitalisierung, die Ausbildung von Gesundheitspersonal oder auch verlässliche Elektrizität für Kühlschränke, in denen Impfstoffe lagern.

Pries Bei aller Kritik am UN-Nachkriegssystem war es in den letzten drei Dekaden so erfolgreich und dynamisch wie nie zuvor. In Afrika haben sich die Ärzte vor 15 Jahren noch jeden Tag um die Sterblichkeit von Kindern unter fünf Jahren kümmern müssen. Jetzt schauen sie auch auf Tumorerkrankungen oder Herzinsuffizienz bei über 60-Jährigen. Es gab eine dramatische Steigerung in der Lebenserwartung. Insofern war das System extrem erfolgreich, aber es ist jetzt an sein Ende gekommen und braucht eine Metamorphose. 

 

Sie beide haben sehr viel in den Aufbau der Global-Health-Forschung in Berlin investiert. Was ist Ihre persönliche Mission hierbei?

Pries Für mich ist die Mission für Global Health so  positiv besetzt, dass ich vieles, was nicht klappt, gerne in Kauf nehme. Ich würde mir aber wünschen, dass alle mal aus ihrer professionellen Rolle heraustreten und sich fragen: Wie wird es unseren Kindern und Enkeln gehen? Ich nenne das einen Generationen-Imperativ: Tu nur Dinge, von denen du annehmen kannst, dass deine Enkel dich in 30 Jahren dafür nicht kritisieren werden. Wenn wir das gemeinsam schaffen, wären wir deutlich weiter.

Kampmann Verantwortung ist Teil des ärztlichen Daseins. Wir haben als Mediziner eine persönliche Verantwortung für die Patient:innen, die darauf vertrauen, dass wir positiv zu ihrer Gesundheit beitragen. Wir haben aber auch die gesellschaftliche Verantwortung, dass unser Tun dem größeren Ganzen nützen kann. Ich habe sehr lange im Ausland gelebt und hatte das Privileg, viele Kulturen und Gesundheitssysteme kennenlernen zu dürfen. Ich bin überzeugt, dass es uns allen auf dieser Welt etwas besser gehen kann, wenn wir von persönlichem Macht- und Profitdenken mehr Abstand nehmen und uns dafür gemeinsam Global-Health-Forschung in Berlin anstrengen.

Global-Health-Forschung in Berlin

Die Charité – Universitätsmedizin gründete 2023 das Charité Center for Global Health, das Forschung zu global relevanten Gesundheitsthemen bündelt und die Kooperation mit politischen Entscheidungsträger:innen und Akteur:innen im Gesundheitssektor unterstützt. Wichtige Partnerinstitutionen in Berlin sind der WHO Hub for Pandemic and Epidemic Intelligence und das Robert Koch-Institut. 

Der Berliner Universitätsverbund Berlin University Alliance hat Global Health 2020 als eine „Grand Challenge“ definiert und mehrere Forschungsprojekte in dem Bereich gefördert. 

Die Einstein Stiftung unterstützt eine Einstein Research Unit zum Thema Technologies in Global Health – From innovation to users (and back). Zudem findet in Berlin seit 2009 der jährliche World Health Summit statt, eine bedeutende internationale Zusammenkunft zum Thema Innovationen für die globale Gesundheit.